

Die Frage , ob Goethe ein Pantheist war, konnte man mit Recht stellen, denn dichterische Worte pantheistischer Art sind sowohl bei dem jungen als auch bei dem älteren Goethe, z.B. Begriffe wie Weltseele oder Weltgeist sind zu finden in Eins und alles. Pantheistische Klänge befinden sich in der Jugend Goethes, z.B in „Mahomets Gesang“, „Ganymed“, vor allem im Bekenntnis Fausts, der laut ausspricht : „Wer darf ihn nennen und wer darf ihn verkennen“. In Proemion hört man den pantheistischen Ton ganz klar :
Was wär ein Gott, der nur von außen stieße, Im Kreis das All am Finger laufen ließe ! Ihm ziemts, die Welt im Innern zu bewegen, Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen, So daß, was in Ihm lebt und webt und ist, Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermißt. (Vgl. Goethes Gedichte, Bd.1, 1961 : 509)
Aber der Begriff Pantheismus muss in seinem historisch-philosophischen Kontext erklärt sowie der sogenannte „Pantheismus-Streit“ analysiert werden. Heinrich Heine hat in seinem Buch zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland nicht nur die deutsche Philosophie von Kant bis Hegel, sondern auch die materialistische Philosophie als Voraussetzung der französischen Revolution dargestellt [2]. Heine kam zum Schluß, daß die Prinzipien einer allgemeinen Revolution in Deutschland nicht aus dem deutschen Idealismus, sondern aus der „volkstümlicheren, religiöseren und deutscheren Philosophie“ abgeleitet werden sollten, d.h. aus dem germanischen Pantheismus, den Heine „die verborgene Religion Deutschlands“ nannte (L. Kreutzer, 1997 : 69). Diese Anschauungsweise, die von Spinoza beeinflußt ist, hat eine heftige Diskussion bei den deutschen Schriftstellern ausgelöst , aus dem Grund, daß der Pantheismus damals als Atheismus galt und die Spinozisten als Atheisten bezeichnet wurden. In der heftigen Auseinandersetzung stellten sich Friedrich Heinrich Jacobi und seine Freunde in der „Glaubenspartei“ den Gegnern Herder und Goethe entgegen [3]. Hier wird nicht nur über den Streitgedanken wie „pantheistische Revolution“ oder „politischer Pantheismus“, sondern auch über „naturwissenschaftlichen Pantheismus“ diskutiert. In dem letzten Fall bleibt die Frage des Verhältnisses des Menschen zu Gott und zur Natur maßgebend. Goethe machte Jacobi klar, daß Spinoza kein Atheist sei, denn nach Spinozas Auffassung sei das Dasein Gott, und „wenn ihn andere deshalb Atheum schelten, so möchte ich ihn theissimum und christianissimum nennen und preisen“ (ebd, S. 75). Rechtsschriftsteller erblickten in der Naturkonzeption der Spinozisten einen heidnischen Materialismus, der dem christlichen Spiritualismus entgegenstand.
[2] Leo Kreutzer : Träumen, Tanzen, Trommeln. Heinrich Heines Zukunft. Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1997, Seiten 71ff, geht in einem Kapitel betitelt „Pantheismus“ ganz triftig auf die Auseinandersetzung, die in den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts die deutschen Schriftsteller gegeneinander gesetzt hat.
[3] Goethe begann sich intensiv mit Spinoza zu beschäftigen, als Friedrich Jacobi zum Antispinozisten wurde. Nach einem Gespräch mit Lessing, der sich zum Spinozismus bekannte, schrieb 1785 Jacobi eine Schrift „über die Lehren des Spinoza an Herrn Moses Mendelssohn“. Diese löste den ersten Spinozastreit aus, wobei Goethe einen Briefwechsel mit Jacobi über Spinoza hatte. Der zweite Spinozastreit wurde 1811 ausgelöst, als Jacobi sein Buch „von den göttlichen Dingen und ihrer Offenbarung“ veröffentlichte. Spinoza wurde noch einmal verteidigt durch Schelling, und Goethe (vgl. R. Kluth, 1991 : 64ff)