

1. GOETHE UND DIE NATUR
Es fällt keinem ein, die Tätigkeiten Goethes als Dichter oder Staatsmann in Frage zu stellen. Aber seine wissenschaftlichen Arbeiten als Naturforscher wurden nicht einstimmig anerkannt. Die einen sahen in diesen naturwissenschaftlichen Schriften eine beiläufige Hinterlassenschaft des Dichters, der sich nebenbei solchen Liebhabereien hingegeben habe, denen keine eigentliche wissenschaftliche Bedeutung zukomme (E. Michael, 1946 : 5) Die anderen legten einen Wert auf seine wissenschaftliche Methode. Diese naturwissenschaftlichen Schriften waren nicht Nebenprodukte seines Schaffens, sondern ein Teil seines Seins, meint Goethe selbst :
daß ich aber mit großer Aufmerksamkeit mich um die Natur in ihren allgemeinen physischen und ihren organischen Phänomen emsig bemüht und ernstlich angestellte Betrachtungen stetig und leidenschaftlich im stillen verfolgt, dies ist nicht so allgemein bekannt, noch weniger mit Aufmerksamkeit betrachtet worden. (ebd, S. 6)
Trotz der Mißverständnisse und der Verkennung seiner Zeitgenossen, die versuchten, ihn und seine Lehre auf alle Weisen anzufeinden und lächerlich zu machen, waren Goethes naturwissenschaftliche Schriften eine Einheit in der Vielfältigkeit. Seine naturwissenschaftliche Tätigkeit umfaßte die Gebiete der Geologie, Mineralogie, Botanik und Anatomie der Tiere, der Meteorologie und besonders der Farbenlehre. Dabei meinte Goethe immer die konkreten Gegenstände, die unmittelbar durch die Sinne wahrgenommen werden konnten, in der Form einer lebendigen Gestalt, die sich entwickelt.
Der ständiger Entwicklungsprozeß in der Natur, die sich bildet und umbildet, war nichts anderes als die Metamorphose. Die Gestaltung und Umgestaltung bilden die Grundlage der Polarität und der Aufwärtsbewegung. Einerseits ist das Leben der Natur „die ewige Systole und Diastole, das ewige Synkrisis und Diakrisis, das ewige Ein- und Ausatmen der Welt, in der wir leben“. Anderseits ist die Steigerung als große Triebkraft der Gestaltung und Umgestaltung auch im Menschen als dem Gipfel der Natur. Hinter dieser Gestaltung und Umgestaltung ahnte Goethe ein Urbild oder ein Urphänomen, in dem sich Gott offenbart. Dazu Goethe selbst :
Der Verstand reicht zu ihr (der Natur) nicht hinauf, der Mensch muss fähig sein, sich zur höchsten Vernunft erheben zu können, um an die Gottheit zu rühren, die sich in Urphänomen, physischen wie sittlichen, offenbart, hinter denen sie sich hält und die von ihr ausgehen. Die Gottheit aber ist wirksam im Lebendigen, aber nicht im Toten ; sie ist im werdenden und sich verwandelnden, aber nicht im gewordenen und erstarrten. (ebd, S. 13).
Im Gesamtwerk Goethes ist also die Natur immer da. Wie er selbst sagt,
wer von Natur spricht, muß den Geist voraussetzen oder im stillen mitverstehen, denn es begegnen sich Natur und Geist im Verborgenen .(vgl. Dichtung und Wahrheit, III, 12.)
So kann Materie nie ohne Geist sein, der Geist ist das dynamisch Ideelle, er ist überhaupt schöpferisches Leben. Wie der Geist, so ist auch die Natur göttlich, geheimnisvoll und folglich unbegreiflich. Ein klares Beispiel von diesem reichen, vom Geist inspirierten Naturleben ist der Frühling, gekennzeichnet durch die Polarität des „Sterbens und Werdens“, des Einatmens und Ausatmens in der Welt. In der Natur liegt die sinnliche Reinheit und Anmut vor, eine Natur , die positive Kräfte schenken kann, obwohl sie nicht absolut vollendet ist. Deshalb distanziert sich Goethe von der Sinnentleerung des Daseins und der Natur, denn er meint, nur einem lebendigen Geist gelingt es, die zusammenhängenden Triebräder der Natur (Gestalt, Form und Ordnung) zu sehen und sichtbar zu machen.
Da die ganze Natur göttlich ist, da es Goethe möglich ist Gott in der Natur und die Natur in Gott zu entdecken, so wird die Ehrfurcht die tragende Grundlage seines reifen Lebens. Ehrfurcht wird zu einer Haltung, die den Schöpfungsgeist Goethes überragt. So entspringt Goethes Tätigkeit keinem ethischen Streben, sondern dem inneren Gehorsam vor dem Unsichtbaren. Wie er selbst sagte :
Das schönste Glück des denkenden Menschen ist das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren. (vgl. Fritz J. Rintelen, 1924 : 24 ; vgl. auch E. Michael, 1946 : 24)
So wird die Naturwissenschaft eine auf dem Glauben begründete Forschung, die die Grenzen des Menschlichen deutlich macht : Anerkennung des Allerhöchsten, Hinnahme seiner Naturgesetze und Adoration seiner Schöpfung. Alle diese Tatsachen, Verhaltensweisen und Äußerungen führen zur großen Frage, ob Goethe ein Pantheist ist oder nicht.